Flasche geben bindungsorientiert – Responsive Bottle Feeding
Auch mit der Flasche kannst du feinfühlig nähren und eine sichere Bindung aufbauen. So geht bindungsorientiertes Flaschengeben.


Nicht jede Familie kann oder möchte voll stillen. Manche Babys bekommen von Anfang an die Flasche, andere werden teilweise gestillt und zugefüttert. Auch mit der Flasche kannst du eine sichere Bindung aufbauen und dein Baby feinfühlig ernähren.
In diesem Artikel erfährst du, was bindungsorientiertes Flaschengeben (auch "Responsive Bottle Feeding" oder "Paced Bottle Feeding" genannt) bedeutet, warum es wichtig ist und wie du es konkret umsetzt.
Was bedeutet bindungsorientierte Flaschenernährung?
Bindungsorientiert (oder responsiv) zu nähren bedeutet, dass du auf die Signale deines Babys achtest und ihm ermöglichst, das Tempo und die Menge selbst zu bestimmen. Es geht darum, das Nähren nicht als reine Nahrungsaufnahme zu sehen, sondern als Beziehungsmoment.
Beim Stillen reguliert das Baby selbst, wie viel und wie schnell es trinkt. Beim Flaschengeben müssen wir als Eltern bewusst darauf achten, diese Selbstregulation zu ermöglichen. Denn eine Flasche kann sehr schnell sehr viel Milch abgeben, was dazu führen kann, dass Babys überfordert werden oder überfüttern.
Warum ist Responsive Bottle Feeding wichtig?
Es gibt gute Gründe, warum du dir die Zeit nehmen solltest, die Flasche bindungsorientiert zu geben:
1. Stärkung der Bindung
Nähren ist weit mehr als Ernährung. Es ist eine intensive Zeit der Nähe, des Blickkontakts und der Kommunikation. Wenn du feinfühlig auf die Signale deines Babys eingehst, stärkst du die Bindung.[1]
2. Vermeidung von Überfütterung
Flaschen können sehr schnell fließen. Babys trinken dann oft mehr, als sie eigentlich brauchen, weil sie mit dem Schlucken nicht hinterherkommen. Langfristig kann das zu Übergewicht führen.[2] Beim responsiven Nähren lernt dein Baby, sein Sättigungsgefühl wahrzunehmen.
3. Bessere Verdauung und weniger Bauchweh
Wenn dein Baby in seinem eigenen Tempo trinkt und Pausen machen kann, schluckt es weniger Luft und die Verdauung wird entlastet.
4. Förderung der Selbstregulation
Babys, die lernen, auf ihr Hunger- und Sättigungsgefühl zu hören, entwickeln ein gesundes Essverhalten, das sie ein Leben lang begleitet.
Die 7 Prinzipien des bindungsorientierten Flaschengebens
Hier sind die wichtigsten Prinzipien, die du beim Nähren mit der Flasche beachten solltest:
1. Warte auf Hungerzeichen
Nähre dein Baby nicht nach starrem Zeitplan, sondern wenn es Hunger zeigt. Hungerzeichen lassen sich in drei Stufen einteilen. Der ideale Zeitpunkt zum Nähren ist bei den frühen Zeichen.[5]
Frühe Hungerzeichen (idealer Zeitpunkt zum Nähren)
Diese Signale sind subtil und treten oft schon im Halbschlaf auf:
- Suchbewegungen mit dem Kopf (Suchreflex): dein Baby dreht den Kopf hin und her, als würde es die Brust suchen
- Mund öffnen und schließen, Lippen lecken, Schmatz- oder Sauggeräusche
- Zunge herausstrecken
- Saugende Bewegungen der Lippen (Saugen im Leeren, ohne etwas im Mund)
- Leichtes Rühren und Bewegen im Schlaf, schnelle Augenbewegungen unter geschlossenen Lidern
Aktive Hungerzeichen (jetzt spätestens die Mahlzeit beginnen)
Dein Baby wird deutlicher und fordernder:
- Hand zum Mund führen und daran saugen (Faust, Finger, Daumen)
- Nickende, suchende Kopfbewegungen, besonders wenn du es auf der Schulter oder Brust hältst
- Zunehmende Unruhe: Strampeln, Zappeln, sich winden
- Wimmern und Quengeln (leise, unzufriedene Geräusche)
- Schnellere Atmung
Späte Hungerzeichen (Baby ist bereits gestresst)
Weinen ist kein frühes Hungerzeichen. Wenn dein Baby diese Signale zeigt, ist es bereits sehr hungrig und aufgeregt.
- Hektisches Hin-und-Herwerfen des Kopfes
- Fäuste ballen, steife Körperhaltung
- Gesicht läuft rot an
- Lautes Quengeln, Jammern und Schreien
2. Halte Blickkontakt und schaffe Nähe
Nimm dein Baby nah an deinen Körper, halte es leicht aufrecht (nicht flach liegend) und schaue es während des Nährens an. Sprich mit ihm, singe, streichle es.Dein Baby soll spüren, dass es nicht um die reine Nahrungsaufnahme geht, sondern um eure gemeinsame Zeit.
3. Lass dein Baby die Flasche selbst andocken
Schiebe den Sauger nicht einfach in den Mund, sondern berühre damit sanft die Lippen oder Wange deines Babys. Warte, bis dein Baby den Mund öffnet und nach dem Sauger greift. So gibst du ihm die Kontrolle und respektierst seine Bereitschaft.
4. Halte die Flasche waagerecht (Paced Bottle Feeding)
Halte die Flasche so, dass der Sauger nur halb gefüllt ist und die Milch nicht zu schnell fließt. Dein Baby sollte saugen müssen, um Milch zu bekommen. Lass die Flasche nicht einfach laufen.
Diese Technik nennt sich "Paced Bottle Feeding" (dosiertes Flaschengeben). Dein Baby sitzt dabei aufrecht und muss aktiv saugen.[4]
5. Mach Pausen
Lass dein Baby während des Trinkens Pausen machen. Nimm die Flasche immer wieder kurz aus dem Mund, damit dein Baby atmen, schlucken und entscheiden kann, ob es weitertrinken möchte.
Achte auf Signale wie:
- Dein Baby lässt den Sauger los
- Es schaut dich an oder schaut weg
- Es verlangsamt das Saugen oder hört auf
Respektiere diese Pausen und dränge dein Baby nicht, weiterzutrinken.
6. Erkenne Sättigungszeichen
Dein Baby zeigt dir, wenn es satt ist. Typische Sättigungszeichen sind:
- Es lässt den Sauger los und dreht den Kopf weg
- Es schläft ein oder wird ruhiger
- Es spielt mit dem Sauger, saugt aber nicht mehr
- Es spuckt den Sauger immer wieder aus
Zwinge dein Baby nicht, die Flasche leer zu trinken. Auch wenn noch Milch übrig ist, kann dein Baby satt sein. Jedes Baby hat an jedem Tag unterschiedlichen Hunger.
7. Wechsle die Seite
Halte dein Baby nicht immer auf derselben Seite. Wechsle während des Nährens (oder zwischen den Mahlzeiten) die Seite, auf der du dein Baby hältst. Das fördert die gleichmäßige Entwicklung der Augen- und Nackenmuskeln und unterstützt die Zusammenarbeit der Gehirnhälften, genau wie beim Stillen.[3]
Tipp einer Fachkraft für Formularnährte Säuglinge
Das Flaschengeben sollte etwa so lange dauern wie eine Stillmahlzeit, ca. 15 bis 20 Minuten.[6] Wenn dein Baby in 5 Minuten fertig ist, fließt die Milch wahrscheinlich zu schnell. Probiere einen Sauger mit kleinerem Loch.
Wenn die Mahlzeiten regelmäßig länger als 45 Minuten dauern, solltest du genauer hinschauen, ob dein Baby möglicherweise ein Saugproblem oder andere Schwierigkeiten hat.
Die richtige Saugergröße und Flasche
Nicht jede Flasche und jeder Sauger ist gleich. Die Wahl der richtigen Ausrüstung kann einen großen Unterschied machen.
Sauger
- Langsamer Fluss: Besonders für Neugeborene und Babys, die auch gestillt werden, ist ein Sauger mit langsamem Fluss wichtig (oft als "Größe 0", "Größe 1" oder "Newborn" bezeichnet).
- Form: Viele Eltern bevorzugen brustähnliche Sauger, die das Saugverhalten beim Stillen nachahmen. Es gibt keine "beste" Form, probiere aus, was dein Baby akzeptiert.
- Material: Silikon ist langlebig und neutral im Geschmack. Latex ist weicher, kann aber schneller porös werden und Allergien auslösen.
Flasche
- Material: Eine Glasflasche ist immer besser als eine Plastikflasche. Beim Kontakt mit heißem Wasser können sich Mikroplastik-Partikel aus Plastikflaschen lösen,[7] jedoch ist noch nicht abschließend erforscht, welche langfristigen Auswirkungen dies haben kann.[8]
- Größe: Für Neugeborene reichen kleine Flaschen (125 ml). Später kannst du größere Flaschen (250 ml) verwenden.
Keine Werbeempfehlungen
Als FeS-zertifizierte Fachkraft arbeite ich nach dem WHO-Kodex und gebe keine Markenempfehlungen. Ich berate dich aber gerne, worauf du beim Kauf achten solltest.
Häufige Fehler beim Flaschengeben (und wie du sie vermeidest)
Fehler 1: Das Baby zum Austrinken drängen
Viele Eltern möchten, dass das Baby die Flasche leer trinkt. Das ist nicht nötig.Wenn dein Baby satt ist, ist es satt, auch wenn noch Milch übrig ist. Respektiere das Sättigungsgefühl deines Babys.
Fehler 2: Nähren nach starrem Zeitplan
Auf jeder Formularpackung stehen andere Größen-, Mengen- und Zeitangaben für Flaschenmahlzeiten. Bitte orientiere dich nicht an starren Plänen von Packungen. Viele kleine Mahlzeiten sind besser als wenige große. Die Menge sollte individuell an das Gewicht deines Kindes angepasst sein, nicht nur an das Alter, wie es auf Packungen oft suggeriert wird.
Lege den Fokus auf die Feinzeichen deines Kindes und orientiere dich mit der Trinkmenge am Kindsgewicht. Auch 8 bis 12 Flaschen pro Tag können völlig in Ordnung und normal sein. Jedes Baby hat seinen eigenen Rhythmus, manche trinken lieber häufiger kleinere Mengen.
Achte auf Hunger- und Sättigungszeichen, nicht auf die Uhr.
Fehler 3: Die Flasche als Schnuller verwenden
Die Flasche sollte nur zum Nähren da sein, nicht zum Trösten oder Einschlafen. Wenn dein Baby ein Saugbedürfnis hat, biete ihm einen Schnuller an.
Fehler 4: Flasche im Liegen ohne Aufsicht
Lass dein Baby niemals allein mit der Flasche (z. B. im Bett). Es kann sich verschlucken oder zu viel Milch auf einmal bekommen. Nähren ist Beziehungszeit, kein "Abladen" der Nahrung.
Kombinieren von Stillen und Flasche
Viele Familien kombinieren Stillen und Flasche. Das nennt sich "Teilstillen" oder "buntes Stillen". Auch hier kannst du bindungsorientiert vorgehen.
Tipps für das Kombinieren
- Verwende einen langsamen Sauger: So bleibt das Stillen attraktiv und dein Baby bevorzugt nicht die schnellere Flasche.
- Stille zuerst, dann Flasche: Wenn du zufüttern musst, biete immer zuerst die Brust an und gib danach die Flasche.
- Flaschengeben kann aufgeteilt werden: Mehrere vertraute Bezugspersonen können die Flasche geben und so ebenfalls eine Bindung zum Baby aufbauen.
Die Flasche ist eine gute Wahl
Es gibt viele Gründe, warum Familien sich für die Flasche entscheiden. Gesundheitliche Faktoren, persönliche Entscheidungen, individuelle Lebensumstände. Jeder Weg ist richtig, wenn er zu deiner Familie passt.
Die Bindung zu deinem Baby entsteht durch Nähe, Feinfühligkeit und Zuwendung, nicht durch die Art der Ernährung. Mit der Flasche kannst du diese Bindung genauso liebevoll gestalten.
Formula-Beratung ohne Werbung
Als FeS-zertifizierte Fachkraft berate ich dich unabhängig und nach WHO-Kodex zur Flaschenernährung. Das bedeutet: keine Werbung, keine Gratisproben, keine Markenempfehlungen. Nur evidenzbasierte, individuelle Beratung.
Ich erhalte keinerlei Produkte, Geld oder andere Aufwendungen von Firmen. Meine Beratung ist vollständig unabhängig und orientiert sich ausschließlich an deinen Bedürfnissen und dem Wohl deines Babys.
Praktische Checkliste: Bindungsorientiert Flasche geben
Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:
- ✓ Warte auf Hungerzeichen, nähre nicht nach starrem Zeitplan
- ✓ Halte Blickkontakt und schaffe Nähe
- ✓ Lass dein Baby den Sauger selbst "nehmen"
- ✓ Halte die Flasche waagerecht (Paced Bottle Feeding)
- ✓ Mache Pausen während des Nährens
- ✓ Erkenne und respektiere Sättigungszeichen
- ✓ Wechsle die Seite, auf der du dein Baby hältst
- ✓ Verwende einen Sauger mit langsamem Fluss
- ✓ Nimm dir Zeit, mindestens 15 bis 20 Minuten pro Mahlzeit
- ✓ Zwinge dein Baby nicht, die Flasche leer zu trinken
Wann solltest du Unterstützung suchen?
Auch beim Flaschengeben kann es Herausforderungen geben. Hol dir Hilfe, wenn:
- Dein Baby die Flasche verweigert oder sehr unruhig trinkt
- Es zu Erbrechen, Bauchweh oder Reflux kommt
- Dein Baby häufig Bauchschmerzen hat oder du das Gefühl hast, dass es die Formula nicht verträgt
- Du unsicher bist, ob dein Baby genug trinkt
- Du Schwierigkeiten hast, Stillen und Flasche zu kombinieren
- Du Fragen zur richtigen Formula, Zubereitung oder Hygiene hast
Ich berate dich gerne zur Flaschenernährung, zur Auswahl der passenden Formula und zu allen Fragen rund um bindungsorientiertes Nähren.
Zusammenfassung
Bindungsorientiertes Flaschengeben (Responsive Bottle Feeding) bedeutet:
- Auf Hunger- und Sättigungszeichen achten
- Deinem Baby die Kontrolle über Tempo und Menge geben
- Nähe, Blickkontakt und Beziehung in den Mittelpunkt stellen
- Die richtige Ausrüstung (langsamer Sauger, geeignete Flasche) verwenden
Es ist nicht egal, wie du die Flasche gibst. Mit Feinfühligkeit und Respekt vor den Bedürfnissen deines Babys kannst du eine sichere Bindung aufbauen und ein gesundes Essverhalten fördern.
Ich unterstütze dich gerne auf diesem Weg, evidenzbasiert, respektvoll und ohne Wertung.
Quellen
- [1] UNICEF UK Baby Friendly Initiative: "Infant formula and responsive bottle feeding", 2024; American Academy of Pediatrics (AAP)
- [2] Li R, Fein SB, et al.: "Risk of bottle-feeding for rapid weight gain during the first year of life", Arch Pediatr Adolesc Med. 2012
- [3] Academy of Pediatric Physical Therapy (APPT) Richtlinien zur Prävention von Plagiozephalie (Schiefhals/Plattkopf)
- [4] NHS (National Health Service) Guide: "Responsive bottle feeding", 2023; Centers for Disease Control and Prevention (CDC)
- [5] CDC: "Signs Your Child is Hungry or Full"; Australian Breastfeeding Association
- [6] La Leche League International; UNICEF Guidelines
- [7] Li, D. et al.: "Microplastic release from the degradation of polypropylene feeding bottles during infant formula preparation", Nature Food, 2020
- [8] Tapp Water / Nature Food Study Conclusions



