Milchstau, was tun? Erste Hilfe und bewährte Maßnahmen
Harte, schmerzende Brust? So erkennst du einen Milchstau und löst ihn effektiv. Evidenzbasierte Tipps einer IBCLC-Stillberaterin.


Plötzlich spürst du eine harte, schmerzende Stelle in deiner Brust. Vielleicht ist sie auch gerötet und fühlt sich heiß an. Du hast wahrscheinlich einen Milchstau. Das ist unangenehm, aber mit den richtigen Maßnahmen kannst du ihn meist schnell lösen.
Als Still- und Laktationsberaterin IBCLC begleite ich regelmäßig Mütter mit Milchstau. In diesem Artikel erkläre ich dir, was ein Milchstau ist, wie er entsteht, was du sofort tun kannst und wann du professionelle Hilfe brauchst.
Was ist ein Milchstau?
Ein Milchstau entsteht, wenn Milch nicht richtig aus einem oder mehreren Milchgängen abfließen kann. Die Milch staut sich, das Gewebe schwillt an und wird druckempfindlich. Du spürst eine verhärtete, schmerzhafte Stelle in der Brust, oft begleitet von Rötung und Wärme.
Im Gegensatz zu einer Mastitis (Brustentzündung) hast du bei einem Milchstau meist kein Fieberund fühlst dich insgesamt noch relativ fit.[1] Trotzdem solltest du schnell handeln, denn ein unbehandelter Milchstau kann sich zu einer Mastitis entwickeln.
Wie erkenne ich einen Milchstau?
Typische Anzeichen für einen Milchstau sind:
- Eine oder mehrere verhärtete, schmerzhafte Stellen in der Brust
- Rötung und Überwärmung an der betroffenen Stelle
- Die Brust fühlt sich prall und gespannt an
- Schmerzen beim Stillen oder Berühren
- Eventuell verminderter Milchfluss auf der betroffenen Seite
- Kein allgemeines Krankheitsgefühl
Milchstau oder Mastitis?
Milchstau: Verhärtung, Rötung, kein oder leichtes Fieber, kein starkes Krankheitsgefühl.
Mastitis: Verhärtung, Rötung, hohes Fieber (über 38,5 °C), starkes Krankheitsgefühl, Gliederschmerzen.[1] Bei Verdacht auf Mastitis solltest du ärztliche Hilfe suchen!
Warum entsteht ein Milchstau?
Ein Milchstau kann verschiedene Ursachen haben. Oft ist es eine Kombination aus mehreren Faktoren:
Häufige Ursachen
- Zu seltenes Stillen oder Entleeren der Brust: Lange Stillpausen (z. B. weil das Baby länger schläft) können zu einem Milchstau führen.
- Ineffektives Entleeren: Das Baby trinkt nicht effektiv, zum Beispiel durch eine ungünstige Stillposition oder ein verkürztes Zungenbändchen.[2]
- Druck auf die Brust: Zu enge BHs, Tragegurte, Schlafpositionen oder Druck durch die eigene Hand beim Stillen können Milchgänge abklemmen.
- Übermäßige Milchproduktion: Besonders in den ersten Wochen oder nach zu häufigem Abpumpen kann die Milchmenge zu hoch sein.[2]
- Stress und Erschöpfung: Stress hemmt den Milchspendereflex und kann dazu führen, dass die Brust nicht vollständig entleert wird.
- Abruptes Abstillen oder Auslassen von Stillmahlzeiten: Wenn die Brust nicht regelmäßig entleert wird, kann es zu einem Stau kommen.
Milchstau lösen: Die wichtigsten Sofortmaßnahmen
Die gute Nachricht: In den meisten Fällen kannst du einen Milchstau selbst lösen. Je früher du handelst, desto besser.
1. Häufig stillen (vor allem an der betroffenen Brust)
Das Wichtigste ist, die Brust regelmäßig und gründlich zu entleeren. Stille häufig, idealerweise alle 1 bis 2 Stunden. Beginne an der betroffenen Brust, damit sie zuerst entleert wird.[3]
Dein Baby ist die beste "Milchpumpe". Der Saugreflex und die Kieferbewegungen helfen, die gestaute Milch zu lösen.
2. Optimale Stillposition nutzen
Versuche, dein Baby so anzulegen, dass sein Kinn in Richtung der verhärteten Stelle zeigt. Das Kinn übt den stärksten Druck aus und hilft, den Milchgang zu öffnen.[4]
Beispiel: Wenn die Verhärtung außen an der Brust sitzt, kannst du im Vierfüßlerstand stillen oder das Baby unter deinem Arm positionieren (Football-Haltung).
3. Vor dem Stillen: Wärme
Kurz vor dem Stillen kannst du die Brust mit einem warmen Waschlappen oder einem warmen Kirschkernkissen für 5 bis 10 Minuten wärmen. Das fördert den Milchfluss.[5]
Übertreibe es nicht! Zu lange oder zu heiße Wärme kann die Schwellung verschlimmern.[6]
4. Sanft ausstreichen während des Stillens
Während dein Baby trinkt, kannst du die verhärtete Stelle sanft in Richtung Brustwarze ausstreichen. Nicht kneten oder stark drücken, sondern mit flacher Hand behutsam Druck ausüben.
Stell dir vor, du würdest die Milch sanft zur Brustwarze "schieben".
5. Nach dem Stillen: Kühlen
Nach dem Stillen solltest du die Brust kühlen, um die Schwellung und Entzündung zu reduzieren.[7] Geeignet sind:
- Quarkwickel (kühl, aber nicht eiskalt)
- Weißkohlblätter (aus dem Kühlschrank, Blattadern etwas anklopfen)
- Kühlpads (in ein Tuch wickeln, nicht direkt auf die Haut)
Kühle für 10 bis 15 Minuten, mehrmals täglich.
Mein Tipp
Quarkwickel sind ein bewährtes Hausmittel. Verteile kühlen Quark auf ein Tuch, lege es auf die betroffene Stelle und lass es 15 Minuten einwirken. Der Quark wirkt entzündungshemmend und kühlend.
6. Lymphdrainage
Sanfte Lymphdrainage kann helfen, die Schwellung zu reduzieren. Streiche mit leichtem Druck von der Brust in Richtung Achselhöhle (dort sitzen Lymphknoten).[8] Diese Technik kannst du dir von einer Stillberaterin oder Physiotherapeutin zeigen lassen.
7. Ruhe und Stressreduktion
Stress hemmt den Milchspendereflex. Gönne dir Ruhe. Leg dich mit deinem Baby hin, kuschelt, stillt entspannt. Je entspannter du bist, desto besser fließt die Milch.
8. Schmerzmittel bei Bedarf
Wenn die Schmerzen stark sind, kannst du ein stillverträgliches Schmerzmittel wie Ibuprofen nehmen (nach Rücksprache mit deiner Ärztin oder Apotheke). Ibuprofen wirkt auch entzündungshemmend.[9]
Was du NICHT tun solltest
Es gibt einige gut gemeinte Ratschläge, die mehr schaden als helfen:
- Nicht zu stark massieren oder kneten: Das kann das Gewebe verletzen und die Entzündung verschlimmern.[8]
- Nicht dauerhaft wärmen: Wärme ist nur kurz vor dem Stillen sinnvoll. Dauerhafte Wärme verstärkt die Schwellung.[6]
- Nicht abstillen oder Stillpausen einlegen: Das Gegenteil ist richtig, die Brust muss regelmäßig entleert werden.
- Nicht zu viel pumpen: Wenn du zusätzlich pumpst, signalisierst du deinem Körper, noch mehr Milch zu produzieren. Pumpe nur, wenn dein Baby nicht trinkt oder nicht effektiv entleert.
Vorsicht bei Hausmitteln
Manche Hausmittel (z. B. ätherische Öle, Alkohol) sind in der Stillzeit nicht geeignet. Halte dich an bewährte, sichere Methoden wie Quark und Kohl.
Wann sollte ich professionelle Hilfe suchen?
In diesen Fällen solltest du nicht zögern und Unterstützung holen:
- Der Milchstau bessert sich nach 24 bis 48 Stunden trotz Maßnahmen nicht.
- Du entwickelst hohes Fieber (über 38,5 °C) oder fühlst dich stark krank (Verdacht auf Mastitis).
- Die Verhärtung wird größer oder die Schmerzen stärker.
- Du hast wiederholt Milchstaus (Hinweis auf eine zugrunde liegende Ursache).
- Dein Baby trinkt nicht effektiv oder hat Probleme beim Anlegen.
Eine Still- und Laktationsberaterin IBCLC kann die Ursache identifizieren, die Stillposition optimieren und dir zeigen, wie du die Brust effektiv entleerst. Bei Verdacht auf Mastitis solltest du zusätzlich ärztliche Hilfe suchen.
Wie kann ich einem Milchstau vorbeugen?
Die beste Strategie ist Prävention. Mit diesen Tipps kannst du das Risiko für einen Milchstau deutlich reduzieren:
- Stille regelmäßig: Vermeide lange Stillpausen. Wenn dein Baby länger schläft, kannst du sanft Milch ausstreichen, um Druck abzubauen.
- Achte auf gutes Anlegen: Eine effektive Stillposition sorgt dafür, dass die Brust vollständig entleert wird.
- Trage lockere Kleidung und BHs: Vermeide Druck auf die Brust.
- Wechsle die Stillpositionen: So werden alle Bereiche der Brust gleichmäßig entleert.
- Reduziere Stress: Entspannung fördert den Milchfluss.
- Trinke ausreichend: Dehydration kann die Milchkonsistenz beeinflussen.
- Vermeide abrupte Veränderungen: Wenn du abstillen möchtest, mach es langsam.
Mythen rund um Milchstau
Es gibt einige hartnäckige Mythen, die ich hier aufklären möchte:
Mythos 1: "Du musst die Brust komplett leer trinken lassen."
Fakt: Die Brust ist nie vollständig leer, Milch wird ständig nachproduziert. Wichtig ist, dass das Baby effektiv trinkt und die Brust regelmäßig entleert wird.
Mythos 2: "Ein Milchstau kommt von zu viel Milch."
Fakt: Ein Milchstau kann auch bei normaler Milchmenge entstehen, wenn die Brust nicht gut entleert wird oder Milchgänge blockiert sind.
Mythos 3: "Pumpen ist besser als Stillen bei Milchstau."
Fakt: Das Baby ist effektiver als jede Pumpe. Stillen ist die beste Methode, um einen Milchstau zu lösen.
Zusammenfassung: Die wichtigsten Punkte
Ein Milchstau ist unangenehm, aber meist gut selbst zu behandeln. Die wichtigsten Maßnahmen:
- Häufig stillen, vor allem an der betroffenen Brust.
- Optimale Stillposition wählen (Kinn des Babys zur verhärteten Stelle).
- Vor dem Stillen kurz wärmen, nach dem Stillen kühlen.
- Sanft ausstreichen, nicht stark massieren.
- Ruhe und Stressreduktion.
- Bei Verschlechterung oder Fieber professionelle Hilfe suchen.
Prävention ist der Schlüssel: Regelmäßiges Stillen, gutes Anlegen und Vermeidung von Druck auf die Brust helfen, Milchstaus vorzubeugen.
Wenn du unsicher bist, wiederholt Milchstaus hast oder Hilfe beim Stillen brauchst, bin ich für dich da. Gemeinsam finden wir die Ursache und eine Lösung, die zu euch passt.
Quellen
- [1] Academy of Breastfeeding Medicine (ABM): Clinical Protocol #36: "The Mastitis Spectrum", Revised 2022; S3-Leitlinie "Therapie entzündlicher Brusterkrankungen in der Stillzeit" (AWMF)
- [2] ABM Clinical Protocol #36 (2022); S3-Leitlinie (AWMF): Ursachen von Milchstau (ineffektive Entleerung, Dysbiose, Hyperlaktation)
- [3] World Health Organization (WHO): "Mastitis: Causes and Management"; S3-Leitlinie (AWMF): Häufiges Stillen als primäre Maßnahme
- [4] Standardempfehlung der Stillberatung (La Leche Liga, IBCLC-Standards) zur effektiven Brustentleerung
- [5] S3-Leitlinie (AWMF): Wärme zur Unterstützung des Milchflusses vor dem Stillen
- [6] ABM Protocol #36: Wärme nur moderat einsetzen, um Schwellungen nicht zu verstärken
- [7] S3-Leitlinie (AWMF): Kühlen als evidenzbasierte Maßnahme; Cochrane Database Syst Rev: "Treatments for breast engorgement during lactation" (Kohlblätter/Kühlpacks)
- [8] ABM Clinical Protocol #36 (2022): Warnung vor "Deep Tissue Massage" und Empfehlung für "Gentle Lymphatic Drainage"
- [9] Embryotox (Charité Berlin); ABM Clinical Protocol #36: Ibuprofen als Mittel der Wahl in der Stillzeit



