Die 5 häufigsten Stillprobleme in der ersten Woche und was wirklich hilft
Wunde Brustwarzen, zu wenig Milch, unruhiges Baby? Erfahre, welche Stillprobleme in der ersten Woche normal sind und was du sofort tun kannst.


Die erste Woche mit Baby ist magisch, intensiv und oft auch überwältigend. Du bist frisch entbunden, dein Körper leistet Unglaubliches, und gleichzeitig lernst du, dein Baby zu versorgen und zu stillen. Es ist völlig normal, wenn nicht alles sofort rund läuft.
Als IBCLC-zertifizierte Still- und Laktationsberaterin begleite ich seit über 10 Jahren Familien in genau dieser Phase. In diesem Artikel zeige ich dir die fünf häufigsten Stillprobleme der ersten Woche, warum sie auftreten und was du konkret tun kannst.
1. Wunde oder schmerzende Brustwarzen
Das Problem: Deine Brustwarzen sind gerötet, wund oder du spürst starke Schmerzen beim Anlegen. Jede Stillmahlzeit wird zur Herausforderung.
Warum passiert das? In den allermeisten Fällen liegt die Ursache in einer suboptimalen Anlegetechnik. Das Baby fasst die Brust nicht tief genug, sodass die Brustwarze gegen den harten Gaumen gerieben wird. Auch ein verkürztes Zungenbändchen kann eine Rolle spielen.[1]
Was du sofort tun kannst
- Optimiere das Anlegen: Achte darauf, dass dein Baby den Mund weit öffnet und einen großen Teil des Warzenhofs erfasst, nicht nur die Brustwarze. Das Kinn sollte die Brust berühren, die Nase frei bleiben.
- Wechsle die Stillposition: Probiere verschiedene Positionen aus (Wiegehaltung, zurückgelehntes Stillen, Seitenlage). Manchmal hilft schon ein kleiner Wechsel.
- Pflege die Brustwarzen: Nach dem Stillen etwas Muttermilch auf den Brustwarzen verteilen und lufttrocknen lassen. Bei starken Beschwerden können hochgereinigte Lanolincremes helfen. Lanolin ist die am häufigsten untersuchte Substanz zum Auftragen bei wunden Brustwarzen.[2]
- Lass professionell draufschauen: Wenn die Schmerzen anhalten, sollte eine Stillberatung das Anlegen beobachten und gegebenenfalls das Zungenbändchen überprüfen.
Wichtig zu wissen
Stillen darf unangenehm sein in den ersten Tagen, sollte aber nicht dauerhaft schmerzhaft sein. Wenn du vor jeder Stillmahlzeit Angst hast oder dich verkrampfst, hol dir bitte Unterstützung.
2. "Ich habe zu wenig Milch"
Das Problem: Dein Baby trinkt sehr häufig, scheint nie satt zu werden, und du befürchtest, dass deine Milchmenge nicht ausreicht.
Warum passiert das? In den ersten Tagen produziert dein Körper Kolostrum. Sie ist extrem nahrhaft, aber kommt in kleinen Mengen. Das ist biologisch genau richtig so! Babys haben einen winzigen Magen (am ersten Tag so groß wie eine Kirsche)[3] und brauchen häufige kleine Mahlzeiten. Der Milcheinschuss erfolgt meistens am zweiten oder dritten Lebenstag.
Was du wissen solltest
- Häufiges Stillen ist normal: 8 bis 12 Mal in 24 Stunden (manchmal mehr) ist in der ersten Woche völlig normal. Das ist kein Zeichen für zu wenig Milch, sondern die Art und Weise, wie dein Baby die Milchproduktion ankurbelt.
- Clusterfeeding ist okay: Viele Babys stillen abends stundenlang im 30-Minuten-Takt. Das ist anstrengend, aber ein natürliches Verhalten.[5] Es ist sozusagen die Vorbestellung für die Milchmenge des nächsten Tages.
- Gewichtsverlust ist normal: Babys verlieren in den ersten Tagen bis zu 7 Prozent ihres Geburtsgewichts.[4] Die meisten Kinder nehmen nach fünf Tagen wieder Gewicht zu und sollten nach spätestens zwei Wochen ihr Geburtsgewicht wieder erreicht haben.
- Volle Windeln sind ein gutes Zeichen: Dein Baby sollte ausreichend nasse Windeln und Stuhlwindeln haben.
Wann solltest du handeln?
Die Gewichtskontrolle erfolgt in den ersten Tagen auf der Wochenbettstation oder zu Hause durch deine Hebamme. Wenn dein Baby mehr als 10 Prozent Gewicht verloren hat, schläfrig wirkt, kaum nasse Windeln hat oder nicht effektiv saugt, wird das Fachpersonal dich beraten und gegebenenfalls eine Stillberatung empfehlen.
3. Der Milcheinschuss ist da und alles tut weh
Die Herausforderung: Um Tag 2 bis 3 kann deine Brust stark anschwellen, sodass das Baby Schwierigkeiten haben kann, die Brustwarze zu fassen.
Warum passiert das? Beim Milcheinschuss steigt die Milchproduktion rapide an. Gleichzeitig strömt mehr Blut und Lymphflüssigkeit in das Brustgewebe. Diese Kombination führt zu Schwellung und Spannung.
Was hilft bei Milcheinschuss-Beschwerden
- Häufig stillen: Je öfter du anlegst, desto schneller reguliert sich die Milchmenge. Vermeide lange Pausen.
- Vor dem Stillen kühlen: Kühle die Brust kurz (z. B. mit Quarkwickeln oder gekühlten Weißkohlblättern), um die Schwellung zu reduzieren. Nicht länger als 10 bis 15 Minuten.
- Gewebe um die Brustwarze entlasten: Wenn die Brust sehr prall ist, kannst du vor dem Anlegen etwas Milch per Hand ausstreichen oder mit sanftem Druck das Gewebe um die Brustwarze herum entlasten, damit dein Baby besser andocken kann (sogenannte "Reverse Pressure Softening"-Technik).[6]
- Nach dem Stillen kühlen: Nach dem Stillen kannst du erneut kühlen, um die Schwellung weiter zu lindern.[7]
Tipp aus der Stillberatung
Massiere die Brust nicht zu stark! Sanftes Ausstreichen und Lymphdrainage-Techniken sind effektiver als kräftiges Kneten, das die Beschwerden verschlimmern und im schlimmsten Fall sogar zu einem Abszess führen kann.
4. Das Baby schläft die ganze Zeit
Das Problem: Dein Baby schläft viel, lässt sich kaum wecken und trinkt zu selten. Du bist unsicher, ob das normal ist.
Warum passiert das? Manche Babys sind nach der Geburt sehr erschöpft, besonders nach langen oder medikamentös begleiteten Geburten. Auch Gelbsucht kann zu Schläfrigkeit führen.[8]
Was du tun kannst
- Wecke dein Baby regelmäßig: In der ersten Woche sollte dein Baby mindestens alle 2 bis 3 Stunden (auch nachts) gestillt werden. Wenn es nicht von selbst aufwacht, wecke es sanft.
- Wecktechniken: Wechsle die Windel, streichle über Füßchen oder Rücken, sprich mit ihm. Hautkontakt wirkt oft Wunder.
- Achte auf effektives Saugen: Ein schläfriges Baby saugt oft nur oberflächlich. Wichtig zu wissen: Ein Baby kann auch mit geschlossenen Augen saugen, das ist völlig normal. Achte darauf, dass es tatsächlich trinkt: Du hörst und siehst, wie dein Baby schluckt.
5. Das Baby lässt sich nicht anlegen oder weint an der Brust
Das Problem: Dein Baby dreht den Kopf weg, überstreckt sich, weint oder verweigert die Brust. Das ist emotional sehr belastend.
Warum passiert das? Es gibt viele mögliche Gründe: eine schwierige Geburt, Schmerzen durch Verspannungen, ein sehr starker Milchspendereflex, eine ungewohnte Stillposition oder einfach Überforderung.
Was helfen kann
- Hautkontakt ohne Druck: Leg dein Baby oft in Hautkontakt auf deine Brust, ohne es zum Trinken zu drängen. Lass es in seinem Tempo erkunden.
- Zurückgelehntes Stillen: Lehne dich zurück, leg dein Baby bäuchlings auf deine Brust und lass es selbst andocken. Diese Position nutzt die natürlichen Reflexe des Babys.[9]
- Milch ausstreichen: Wenn dein Baby nicht trinkt, kannst du Milch per Hand ausstreichen und sie ihm mit einem Löffel oder Becher geben.
Zusammenfassung: Du bist nicht allein
Die erste Woche ist eine Lernphase, für dich und dein Baby. Es ist völlig okay, wenn nicht alles sofort klappt, Stillen ist eine erlernte Fähigkeit und kein Instinkt. Die meisten Stillprobleme lassen sich mit der richtigen Unterstützung gut lösen.
Hier die wichtigsten Punkte noch einmal:
- Wunde Brustwarzen deuten meist auf eine Anlegetechnik hin, die optimiert werden sollte.
- Häufiges Stillen ist normal und kein Zeichen für zu wenig Milch.
- Der Milcheinschuss ist intensiv, aber vorübergehend. Stillen und Kühlen helfen.
- Schläfrige Babys brauchen sanftes Wecken und manchmal ärztliche Kontrolle.
- Wenn dein Baby die Brust verweigert, gibt es Techniken und Hilfestellungen, die unterstützen.
Wichtig: Diese Tipps ersetzen keine individuelle Beratung. Wenn du unsicher bist, Schmerzen hast oder dein Baby nicht gut trinkt, hol dir professionelle Unterstützung. Hilfe durch eine qualifizierte Stillberatung kann in vielen Fällen schon nach einem Termin eine deutliche Verbesserung bringen.
Ich bin für dich da, in der ersten Woche und weit darüber hinaus.
Quellen
- [1] S3-Leitlinie "Therapie entzündlicher Brusterkrankungen in der Stillzeit", AWMF; Europäisches Institut für Stillen und Laktation: Häufigste Ursache für wunde Brustwarzen ist suboptimale Anlegetechnik oder verkürztes Zungenband
- [2] Abou-Dakn, M. et al.: "Positive effect of HPA Lanolin versus expressed breastmilk on painful and damaged nipples", Skin Pharmacol Physiol 2011
- [3] Academy of Breastfeeding Medicine (ABM) Clinical Protocol #3; Maydolly: Magen eines Neugeborenen fasst an Tag 1 nur ca. 5-7 ml (Kirschgröße)
- [4] Dr. Silva "Physiologischer Gewichtsverlust"; American Academy of Pediatrics (AAP): Gewichtsverlust bis 7% (manchmal 10%) ist normal
- [5] Vida Hebammen "Clusterfeeding verstehen": Clusterfeeding ist normales Verhalten zur Steigerung der Milchbildung
- [6] Cotterman, K.J.: "Reverse Pressure Softening", J Hum Lact 2004; KellyMom: RPS hilft, Ödeme wegzudrücken
- [7] S3-Leitlinie "Therapie entzündlicher Brusterkrankungen": Kühlen lindert Schwellungen und Schmerzen
- [8] Still-Lexikon "Stillen und verstärkte Neugeborenen-Gelbsucht": Ikterus macht Babys schläfrig, aktives Wecken nötig
- [9] Colson, S. et al.: "Biological Nurturing", J Obstet Gynecol Neonatal Nurs 2008: Laid Back Nursing aktiviert angeborene Reflexe



